Reportage

 

Anders - Na und? - Ein Aufruf für Zusammenhalt und Toleranz

Text: Julia Stoll

Ein ganz normaler Samstagnachmittag. Ich habe mich trotz meiner dauerhaften Müdigkeit dazu aufgerafft in die Stadt zu gehen. Die Tabletten schaffen mich ganz schön. Hier stehe ich also, mittendrin in diesem riesigen Einkaufszemtrum, zwischen all den vielen Menschen.
Alle scheinen es verdammt eilig zu haben, hastig rennen sie von Geschäft zu Geschäft. Ich möchte hier nichts kaufen, sondern nur die "gesunden" Menschen beobachten. Sehen was sie hier so machen und mich etwas dazugehörig fühlen. Doch dieses Gefühl der Dazugehörigkeit ist verdammt schwer zu erlangen, All die Leute hier starren mich non-stop an, sie tuscheln über mich und wissen bestimmt alle was mit mir los ist, dass ich eben anders bin als sie. "Verrückte" nennen die mich , obwohl ich denen doch gar nichts tue. Mein Betreuer sagt ,oftmals wäre das gar nicht so,dass ich das nur so empfinde; das wären die Stimmen die mir ab und zu einen Streich spielen...Ich weiß aber doch was Ich hier erlebe, ich bin doch nicht verrückt?!
Trotz dieser 1000 Gedanken in meinem Kopf gehe ich weiter, ich mache mich auf den Weg zum Supermarkt des Einkaufzentrums . Am liebsten trinke Ich Limonade , diese werde Ich mir jetzt kaufen. Auf dem Weg in den Supermarkt wird es immer enger, scheinbar haben auch viele andere Menschen hier etwas zu kaufen. Etwas mulmig wird mir jetzt schon , bei diesem Anblick von all den vielen hastigen Menschen, kaum Platz ist da und ich werde da gleich mittendrin sein. Ich gehe trotzdem weiter, ich kann nicht wieder einfach stehen bleiben. Immer wieder sage ich mir "Du schaffst das" und plaudere mir noch ein paar andere aufmunternde Worte zu. Ich merke wie ich innerlich immer unruhiger werde...Warum?!
Wegen all den vielen Menschen hier, weil die mich alle so ansehen, mir jetzt übel ist und überhaupt- wie konnte ich auf diese blöde Idee kommen hierher zu kommen?! Schnell schnappe ich mir die Flasche Limonade, wegen der ich hergekommen bin, stelle mich an in einer endlosen Schlange von Menschen.

Ich schimpfe etwas vor mich hin, warum muss das denn auch so lange hier dauern?! Die Jugendlichen hinter mir in derSchlange,verfolgen wohl meinen Monolog, sie lachen, lassen Sprüche los, was genau weiß ich gar nicht, alles prasselt auf mich wie ein endloser Regenschauer . Als ich es nicht mehr aushalten kann und all die Stimmen hier immer lauter werden, schreie ich, lasse meine Limonade fallen und drängele mich durch die vielen Leute vor mir nach draußen. Jetzt schauen sie mich alle an, geschockte, erstaunte, amüsierte Blicke, alle nur auf mich gerichtet. Ich fühle mich furchtbar dumm und gedemütigt. Warum bin Ich nicht einfach wieder zuhause geblieben?! Ich renne den ganzen Weg durch das Einkaufszentrum , Tränen laufen mir übers Gesicht. Wieder daheim angekommen lege ich mich in mein Bett-vielleicht sollte ich für immer da bleiben...
(frei erfundenes Beispiel)

So oder ähnlich erleben Menschen mit einer psychischen Erkrankung unseren „ganz normalen“ Alltag.
Kaum jemand versucht sich in diese Menschen hinein zu versetzen. Noch schlimmer-meistens ernten sie pure Verachtung oder Gelächter.
Ich habe mich schon länger sehr für die Psyche des Menschen interessiert und mich deswegen auch für ein Praktikum in einem intensiv betreuten Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen beworben. Zunächst war Ich natürlich sehr aufgeregt, was mich hier erwarten würde: kein Wunder bei all den Horrorstorys die so umgehen. Schon am ersten Tag in meinem Praktikumsbetrieb, fiel mir aber all die Last von den Schultern. Ich wurde unglaublich nett aufgenommen, von den Mitarbeitern als auch von den Bewohnern. Von nun an habe ich Tag für Tag mehr über diese Menschen erfahren, von ihrer Lebensgeschichte, ihrem Schicksal, ihren Ängsten...Manche Geschichten gingen mir ganz schön nahe.
Wenn man sich überlegt ,dass man selbst oft aus einer Mücke einen Elefanten macht , und was diese Leute Tag für Tag zu bewältigen haben. Ich finde das wirklich bewundernswert. Meine Aufgaben in dem Wohnheim waren mehrere verschiedene, zum Beispiel das Begleiten bei einem Arzttermin oder die Hilfestellung bei der Zimmereinigung. Ganz im Vordergrund steht allerdings die Motivation der Bewohner des Hauses, da diese oftmals antriebslos sind, "sich von ihrer Krankheit gefangen fühlen". Den Klienten wird hier eine große Anzahl von Freizeitbeschäftigungen oder Beschäftigungstherapien angeboten.
Es werden mal Bilder gemalt, gebastelt, selber Schmuck oder Traumfänger hergestellt usw...es ist immer wieder schön zu sehen wie stolz die Teilnehmer im Nachhinein auf ihr Können sind , auch wenn sie es sich Anfangs vielleicht noch nicht einmal zutrauen.

Zum Glück gibt es solche Wohnheime wie meinen Praktikumsbetrieb, sie bieten den Menschen unzählige Möglichkeiten sich zu entfalten und viel vom Leben mitzunehmen, auch die Ablenkung von der Krankheit ist gewährleistet. Ich kann solch ein Praktikum nur weiter empfehlen, man lernt nicht nur den Menschen ansich wieder ganz neu kennen , sondern auch sich selbst.

Was ich mit diesem Text ausdrücken möchte ist die Wut über all jene Menschen ,die sich noch keine Minute mit diesem Thema beschäftigt haben , aber die Erkrankten verurteilen und lächerlich machen nur weil Menschen mit psychischen Erkrankungen einfach anders auf uns wirken- manchmal durch ihr Verhalten aus der Reihe tanzen.
In unserer Gesellschaft ist es schwierig zuzugeben, dass man ein ernsthaftes Problem hat. Es ist den Betroffenen sogar oft peinlich. Das führt dazu, dass sich immer weniger Leute trauen über ihre Ängste z.B zu reden. Sie suchen keine Hilfe , nur damit für die Außenwelt alles okay scheint.
Vielleicht sollten wir uns hier einmal ein Bsp. an den Amerikanern nehmen, dort ist es schon fast normal bei einem Psychologen in Behandlung zu sein. Leider scheint dies dort momentan der neue „Trend“ zu sein, was auch nicht Sinn und Zweck der Sache ist, aber immerhin die Menschen reden über ihre kleinen oder auch großen Schwierigkeiten im Leben. Sie bekommen Hilfe!

Jeder von uns könnte damit anfangen, vielleicht einfach mal nichts zu sagen oder hinzustarren wenn einem "so ein komischer" Typ entgegenkommt. Vielleicht kann man einfach nett grüssen...damit würden Sie diesem Menschen eine unglaubliche Freude bereiten und vielleicht sogar sich selbst! Jedem könnte es irgendwann mal durch ein gravierendes Ereignis im Leben genauso gehen. - DIES SOLLTE MAN SICH IMMER VOR AUGEN FÜHREN -

FAKTEN:

JEDER DRITTE NOTARZTBESUCH HAT MIT PSYCHISCHEN
ERKRANKUNGEN ZU TUN.

ZWISCHEN 1,6 UND 4 MILLIONEN MENSCHEN SUCHEN JÄHRLICH IN DEUTSCHLAND PSYCHIATRISCHE HILFE. 400.000 VON IHNEN WERDEN STATIONÄR BEHANDELT.

STRESS, HILFLOSIGKEIT, VERLUST AN IDENTITÄT UND MANGELNDE ZUSAMMENGEHÖRIGKEIT VERSTÄRKEN DIE PROBLEME.

ÜBER 10% DER BEVÖLKERUNG WERDEN EINMAL IM LEBEN DEPRESSIV, 15% DER BETROFFENEN VERÜBEN SUIZID, 56% MACHEN DEN VERSUCH FREIWILLIG AUS DEM LEBEN ZU SCHEIDEN

JEDER DRITTE BIS VIERTE MENSCH IST IM LAUFE SEINES LEBENS VON PSYCHISCHEN GESUNDHEITSPROBLEMEN BETROFFEN.

VON 100 MENSCHEN , DIE PROFESSIONELLE UNTERSTÜTZUNG BRAUCHEN, BEKOMMEN
NUR CA. 26 MENSCHEN HILFE UND NOCH WENIGER DAVON ENTSPRECHENDEN FACHLICHEN
BEISTAND.