Der gute Mensch
aus Indien
Bericht und Fotos: Kathi Schmitt
Tenzin Gyatso ist keine neue Trendsportart, sondern
der Vorname des Dalai Lamas, dem Oberhaupt des tibetischen
Buddhismus. Auf seiner Deutschlandreise besuchte er
Freiburg.
Mit einer Schirmmütze gegen Sonne und Scheinwerfer
sitzt der Dalai Lama auf einem Sessel. Seine Körperhaltung
ist meditativ. Gekleidet ist er traditionell in einem
rot-orangen Mönchsgewand. Wäre ich nicht einer
der vielen Zuschauer, so meinte ich, der Dalai Lama
wäre zuhause in Indien. Doch vor ihm sitzen tausende
von Menschen, die in der Rothaus-Arena Freiburg seinem
Vortrag über „Erziehung und Wiedergeburt“
zuhören. Draußen vor der Tür steht eine
alte Frau, die den Buddhismus nicht mehr versteht, weil
sie für den Vortrag Eintritt bezahlen soll. „Die
Religion und der Dalai Lama ist doch für alle Menschen
da, egal ob arm oder reich“, sagt sie. „Stimmt“,
denke ich mir still. Und frage laut meine Freundin Nicole
Ngo, die selbst Buddhistin ist. Nicole erklärt
mir, dass der Dalai Lama mehr Geld verteilt, als dass
er Geld annimmt. Das Eintrittsgeld für seinen Vortrag
in Freiburg spendet er dem Tibet-Verein.
Tenzin Gyatso ist von Geburt an auserwählt
In der Halle ist es ruhig. Alle Augenpaare sind auf
seine Heiligkeit den 14. Dalai Lama gerichtet. Geboren
ist er 1935 in Taktser in der tibetischen Provinz Amdo
im Nordosten Tibets. Dort wuchs er als Bauernsohn in
ärmlichen Verhältnissen auf. Im Alter von
fast zwei Jahren wurde er durch zwei Mönche, denen
er zuvor in einer Vision als Wiedergeburt seines verstorbenen
Vorgängers Thubten Gyatso (13. Dalai Lama) erschienen
sein soll, entdeckt. .Mit fünf Jahren wurde Tenzin
Gyatso als 14. Dalai Lama inthronisiert. Auf Grund politischer
Konflikte konnte er jedoch nicht in seinem Heimatdorf
bleiben, sondern musste fliehen. Heute lebt er im indischen
Dharamsala im Exil. Trotzdem strahlt er Gelassenheit
aus. Und das ist eine der faszinierenden Facetten des
Dalai Lamas.
Warum unsere Gesellschaft so gewalttätig
ist:
Der Mangel an inneren Werten
„Wiedergeburt und Erziehung“, darüber
spricht er: „Wenn es darum geht, ein Lächeln
zu erlangen, ist eine liebevolle Haltung nötig.
Es fehlt an den inneren Werten. Wir legen mehr Wert
auf Äußerlichkeiten. Kaum jemand achtet auf
innere Schönheit, die aus dem Geist kommt. Schon
in der Erziehung werden innere Werte vernachlässigt.“
Und fügt hinzu, dass dies unabhängig von der
Religion sei. Die Welt stellt in seinen Augen mehr Gefahr
dar als ein Herzinfarkt. „Freiwilligkeit, Stärke,
Selbstvertrauen, Mitgefühl, Vergebung, Toleranz
und Liebe seien zentrale Werte unserer Gesellschaft.
Über diese Werte verfügten wir von Natur aus
und seien Grundstein jeder Religion. Dort müssten
sie gelebt werden. Der Dalai Lama lebt sie, denn zugleich
führt das Ausleben zu einer inneren Ausgeglichenheit.
Aber davon sind viele Menschen weit entfernt. Gewalt
habe vielerorts das Regiment übernommen: „Wenn
ein Mensch einen anderen Menschen tötet, nennt
unsere Gesellschaft diesen Menschen einen Mörder.
Wenn ein Mensch Millionen von anderen Menschen umbringt,
nennt unsere Gesellschaft diesen Menschen einen Helden.
Das verstehe ich nicht.“ In unserer Gesellschaft
sollten sich die Werte ändern, damit wir alle in
einer besseren Welt leben können. Durch sein Engagement
in Tibet, was er mit dem Exil bezahlt hat, ist Tenzin
Gyatso 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet
worden.
Toleranz hat Grenzen
„Der Dialog ist der einzige Weg. Dabei ist die
Gegenseite entscheidend“, sagt der Dalai Lama.
Wir alle seien dazu aufgerufen, mehr Verantwortung zu
übernehmen. Doch im Dialog zum Islam ist er bisher
gescheitert. Dabei hat der Dalai Lama selbst viele Freunde,
die Muslime sind: „Meine muslimischen Freunde
sagen mir, ein echter Muslim würde nie Blut vergießen.
Wenn er dies tut, ist er kein richtiger Muslim.“
Die Toleranz hat also dort ihre Grenzen, wo die Mauer
der Gegenseite beginnt.
Religion, Faszination oder Idealismus?
Ein Interview mit Nicole Ngo über den Buddhismus
Bericht und Fotos: Kathi Schmitt
YouthToday: Wie bist du zum Buddhismus
gekommen?
Nicole: Meine ganze Familie und meine
Eltern sind Buddhisten. So bin ich in diese Religion
hineingeboren und damit aufgewachsen.

YouthToday: Im Buddhismus gibt es
drei verschiedene Richtungen, den Mahayana, Theravada
und Vajrayana Buddhismus. Dem tibetischen Buddhismus,
der zum Vajrayana Buddhismus gezählt wird, gehört
der Dalai Lama an. Und du?
Nicole: Ich gehöre dem Mahayana
Buddhismus an. 'Mahayana' bedeutet wörtlich 'großes
Fahrzeug'. Wenn ich dir ein Beispiel nenne, wird dir
einer der Unterschiede zum Theravada Buddhismus klar.
Übersetzt heißt 'Theravada' 'Lehre des Ordens-Älteren'.
Zum Beispiel: Ein Haus brennt. Darin befinden sich noch
ältere Menschen. Ein Theravada Buddhist würde
nur für sich kämpfen und alles versuchen,
dass er heil aus dem brennenden Haus kommt. Zwar kämpft
der Mahayana Buddhist auch um sein Leben, aber mit dem
Unterschied, dass er nach seiner eigenen Rettung ebenso
versucht, anderen zu helfen. 'Diamantfahrzeug' ist die
Übersetzung für 'Vajrayana'. Der Vajrayana
Buddhismus ist ein Teil des Mahayana Buddhismus.
YouthToday: Hat der Dalai Lama dennoch
eine Bedeutung für dich?
Nicole: Der Dalai Lama ist eine hohe
Autorität des tibetischen Buddhismus. Gleichzeitig
ist er aber auch der Vertreter des Buddhismus insgesamt.
Vielleicht kann ich ihn in dieser Hinsicht mit dem Papst
der christlichen Kirche vergleichen, auch wenn er kein
göttlicher Stellvertreter ist.
YouthToday: Gibt es einen Gott, an
den du glaubst?
Nicole: Im Buddhismus gibt es keinen
Gott. Es gibt verschiedene Buddhas, die den Menschen
helfen sollen, den richtigen Weg zu finden.
YouthToday: Woran erkenne ich, dass
du Buddhistin bist?
Nicole: Der Buddhismus lehrt uns den
inneren Frieden zu finden. Materielles hat keinen hohen
Stellenwert. Auf den Frieden in der Familie kommt es
an. Doch auch das Miteinander in der Gesellschaft trägt
zum Frieden bei. Im Buddhismus gibt es fünf ethische
Richtlinien. Das Besondere daran ist, dass man nicht
kontrolliert wird, ob man sie einhält oder nicht.
Nur wir selbst wissen, was wir tun und nehmen die Grundsätze
freiwillig an. Im Buddhismus ist alles vergänglich.
Schon allein durch die Lebenseinstellung kann sich etwas
Schlechtes zum Guten wenden. Jeder Sterbliche trägt
und fördert Leid in sich, indem er von Gier heimgesucht
wird. Das Leben ist leidvoll. Ich genieße jeden
Tag in vollen Zügen und lebe den Tag so als wäre
es mein letzter.
YouthToday: Wie sieht dein buddhistischer
Alltag aus?
Nicole: Jeden Tag rezitiere ich einige
heilige Verse, so genannte Sutren.

YouthToday: Der Buddismus ist eine
recht friedliche Religion. Da jedes Lebewesen als Tier
wiedergeboren werden kann, ist es verboten Fleisch zu
essen, oder?
Nicole: Der Buddhismus verbietet das
Fleischessen nicht. Die erste ethische Richtlinie lautet
„Keine Lebewesen töten“. Da Tiere Lebewesen
sind, sollte man sie nicht essen. Doch das muss jeder
für sich selbst entscheiden. Es gibt keine Regel,
die verbietet Fleisch zu verzehren. Obwohl ich Buddhistin
bin, bin ich kein Vegetarier. Ich habe für mich
selbst einen Kompromiss gefunden und esse zehn Tage
im Monat und drei Monate im Jahr vegetarisch. Die Tage,
an denen ich vegetarisch esse, richten sich nach dem
Mondkalender.
YouthToday: Besuchst du religiöse
Orte?
Nicole: Pagoden sind religiöse
Orte, die als Symbol für Buddha und den Buddhismus
stehen. Das Kloster Vien Giac (übersetzt 'Erleuchtung')
in Hannover zählt zu den größten Pagoden
Europas. Im Jahr werden dort zwei bis drei Seminare
veranstaltet, die ich besuche. Und auch bei großen
Feierlichkeiten bin ich, wenn es zeitlich möglich
ist, dabei. Einmal im Monat besuche ich die Pagode in
Mulhouse (Frankreich), aber auch in Frankfurt oder Hamburg
habe ich Pagoden besucht.
YouthToday: Und wie kann ich mir das
Innenleben vorstellen? Was machst du in einer Pagode,
wenn du zu keinem Gott betest?
Nicole: Sutren rezitieren oder Lehrvorträge
hören, gemeinsam essen oder über die Buddha-Lehre
sprechen – Die Pagode ist ein Ort des lebendigen
Austausches und Zusammenhaltes.
YouthToday: Welche Feste feiert ihr
zusammen? Feiert ihr in eurer Familie christliche Feste
wie Ostern oder Weihnachten?
Nicole: Da ich Vietnamesin bin, ist
das vietnamesische Neujahrsfest Bestandteil unserer
familiären Feierlichkeiten. Für alle Buddhisten
ist das Vesakfest von großer Bedeutung. Mahayana
Buddhisten feiern dort die Geburt des historischen Buddhas.
Auch das Ullambanafest ist wichtig, an dem wir den Eltern
und vor allem den Müttern Dank entgegenbringen,
so wie der historische Buddha einer Legende nach sämtlichen
Jüngern auftrug, dies zu tun. Ein Familienfest
also. Das Mitte-Herbst-Fest oder auch Mondfest ist ebenfalls
ein Familienfest, das jedoch nur im kleinen Rahmen gefeiert
wird.
YouthToday: Interessant! Was sollte
ich darüber hinaus über den Buddhismus wissen?
Nicole: Der Buddhismus steht für
Frieden, Toleranz, Weisheit und innere Ruhe.

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