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Wer immer glaubte Nicole sei die einzige musikalische Größe aus dem Saarland die es auch international zu was gebracht hat, der hat sich eindeutig getäuscht.
Wie sooft weiß man gar nicht so genau, wie viele Talente im nahen Umfeld schlummern. Ein echtes Saarländisches Multi-Talent hat Youth Today ausfindig gemacht und für Euch zum Interview besucht.
Sascha Waack, 31, gebürtiger St. Ingberter. Derzeit wohnhaft in der saarländischen Hauptstadt und auf den Bühnen dieser Welt. Groß geworden ist der Saarländer auf den Tourneen mit den bekanntesten Musicals der Welt. Der Drummer plaudert locker über seine Anfänge, seine Drum- und Musikschule und wie das Leben als Profi-Musiker so läuft.
****YT: Unter all den vielen Instrumenten die man wählen kann, hast Du Drumsticks in die Hände genommen. Wie und wann bist Du zum Schlagzeug gekommen?****
+ SW: Ich war etwa acht Jahre alt, da hab ich ein Video im Fernsehen gesehen, das war Kiss mit „I love it loud“. Das ist halt ganz Schlagzeugorientiert, aber eigentlich nur so „Bumm-Zack“ und das fand ich halt geil, so vom Rhythmus. Zu der Zeit hatte ich schon Klavierunterricht und das fand ich irgendwie total scheiße, da hab ich mir wahrscheinlich im Unterbewusstsein gedacht, jetzt lerne ich Schlagzeug. Und da mein Cousin eine Bass-Drum und ein Tom hatte, das er nicht mehr brauchen konnte, hat er mir das geschenkt und da hab ich halt so lange drauf rum gehauen, bis ich von meinen Eltern dann mein erstes Schlagzeug gekriegt habe. Denn ich hatte zwar zu dem Zeitpunkt schon eine Band, hatte aber allerdings noch kein eigenes, richtiges Schlagzeug.
****YT: Und was war das für eine Band? Was habt ihr da so gespielt?****
+ SW: Das war einfach eine Schülerband. Ich glaube wir haben so ca. 800mal „Verdamp lang her“ gespielt, was ich heute, im Übrigen, noch sehr gut auf dem Klavier intonieren kann.
****YT: Zwischen Schülerband und Berufsmusiker ist es ja trotzdem noch ein großer Schritt. Wann war für Dich klar, dass Du als Musiker Dein Geld verdienen willst?***
+ SW: Relativ früh, weil ich bei einem Schlagzeuglehrer Unterricht hatte, der mich sehr gefördert hat und der mich immer auf Konzerte mitgenommen hat. Er hat selbst viel veranstaltet, Workshops selber organisiert und hat mich da auch immer mit einbezogen. Sodass ich die richtigen Leute dann auch kennen gelernt hab, die ganzen Schlagzeuger, die halt da gearbeitet haben und so bin ich da schon früh reingerutscht. Mit 13 etwa war ich dann immer nur mit solchen Leuten unterwegs. So ist der Wunsch das beruflich zu machen dann halt entstanden.
****YT: Dabei hast D also so richtig Du Feuer gefangen?****
+ SW: Ja klar. Es gab halt keine Alternative, so jobmäßig, was mir noch Spaß gemacht hätte, gar nichts. Ich hab nie über etwas anderes nachgedacht. Mein Vater hat irgendwann mal gesagt: „Irgendwann bauen wir Dir mal ein Haus.“ [Lacht..] Tja.. das ist finanziell momentan gar nicht machbar, weil ich eben Musiker bin..
****YT: Du hast also tatsächlich nie über etwas anderes nachgedacht?****
+ SW: Nee..
Freund und Partner André mischt sich ein: „Der Sascha hat irgendwann mal erzählt er hätte mit einem BWL Studium begonnen nur um seinen Eltern zu beruhigen..“
+SW: Hey sag mal ist dass Dein Interview oder meins?? (lacht)
****YT: Wo wir dann schon mal dabei sind- was haben eigentlich Deine Eltern davon gehalten, dass Du mit Musik Dein Geld verdienen willst?****
+ SW: Die haben mich immer unterstützt, weil ich halt schon ganz früh angefangen hab in Bands zu spielen und da halt Auftritte hatte, war ich darauf auch erstmal angewiesen und sehr dankbar für die Unterstützung. Obwohl meine Eltern wohl nie gedacht hätten das u. a. Ihre Unterstützung dazu beigetragen hat, dass ich mal Musiker werde. Ja, ich war eben schon früh, viel unterwegs und das immer mit älteren Musikern von denen ich super viel lernen konnte.
****YT: Also Du warst meist der Jüngste?****
+ SW: Ja, ja heute noch, das zieht sich eigentlich so durch bis jetzt. Wirklich 85 Prozent der Musiker, mit denen ich arbeite sind älter als ich, das merkst Du halt wie professionell das ist, weil so früh wie ich steigt fast keiner ein und lebt dann von Musik.
****YT: Und Du hattest nie Bedenken gehabt ob das auch alles zum Leben reicht?****
+ SW: Nee, es hat ja gut angefangen nach meinem abgebrochenen Schulstudium [zwinkert und lacht] ging es direkt gut los mit fast 8 Jahren Tournee. Mit 19 oder 20 stellt man sich so Fragen ja auch noch nicht unbedingt. Wenn man direkt Verträge angeboten bekommt wo man halt mehr verdient als jemand der 'nen normalen Job hat fragt man eh nicht mehr.
****YT: Und wie war das Gefühl so einen Vertrag zu kriegen?****
+ SW: Ja geil. Aber auch Schiss ohne Ende, die waren ja auch alle viel älter als ich und das waren bekannte Tourneen und ich dann ab ins kalte Wasser…
****YT: Und wie kamen die denn gerade auf Dich?****
+ SW: Vitamin B… ich hab da jemanden gekannt, der hat jemanden gekannt… trallala so läuft das eben *grins*.
****YT: Und die erste Tour war die Rocky Horror Tour?****
+ SW: Nee, angefangen hat es mit Nicole - ein Monat Tour. Das erste richtige Ding war dann Hair mit zweieinhalb Jahren Europa-Tournee, danach kamen fünf Jahre Rocky Horror.
Nach der Tour mit Nicole und einigen Auftritten mit Ihrer Band, hab ich halt ein halbes Jahr im Klamottenladen in Saarbrücken gejobbt, aber das war kein Problem für mich. Ich hab gewusst, dass es weitergeht, denn das Selbstbewusstsein das war da, und das ist das Wichtigste, was man braucht, wenn man davon leben will. Da darf man sich nicht überlegen: was wenn nicht?
****YT: Und wie kamst Du zu Hair? Bzw. Wie kam Hair zu Dir?****
+ SW: Die Tournee ging meistens zwölf Monate im Jahr und da gibt es dann immer verschiedene Schlagzeuger die sich das teilen, und einer von denen hat mich gekannt und der hat mich dann angerufen. Sechs Wochen später sind alle gefeuert worden und ich hab dann den Vertrag gekriegt und bin aber allein auf der Tournee sitzen geblieben zweieinhalb Jahre lang. Das heißt ich hab mir den Job nicht geteilt sondern hab diese Zeit den Schlagzeugsessel bei Hair besetzt. Das war halt so der Anfang.
****YT: Du warst also zweieinhalb Jahre nonstop unterwegs? Ist man dann irgendwann auch mal wieder zuhause und sieht Familie und Freunde?****
+ SW: Na ja klar.. man hat immer mal zwei, drei Tage frei so alle vier Monaten...
****YT: Was unterscheidet denn für Dich das Musikerleben von einem stinknormalen 9to5 Job? ****
+ SW: Weiß ich ja nicht, ich hab ja nie einen normalen Job gemacht. In kann ich wirklich nicht sagen.
****YT: Und was siehst Du als Vor- und als Nachteile bei deinem Musiker-Leben?****
+ SW: Die Vorteile sind halt, dass man das tut, was man gerne macht und damit Geld verdient. Der Nachteil ist das man halt kucken muss, dass die Gigs reinkommen, was aber eigentlich auch kein Nachteil ist, denn das stellt ja wiederum einen Reiz dar, der auch Spaß macht. Wenn's auch manchmal schwer ist, aber das ist ja die Würze des Lebens, sonst wär's ja langweilig. Wenn ich jetzt 20 Jahre lang den gleichen Job hätte, da würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden. Es macht auch Spaß zu organisieren, man muss sich ja schließlich immer wieder selbst organisieren.
****YT: Vor allem da Du ja auch kein Management hinter Dir stehen hast..****
+ SW: Nein, das gibt's in Deutschland auch fast gar nicht in dem Sinne für Musiker… wenn Du eine Band hast oder Popstar bist schon, aber als Einzelmusiker macht man das normalerweise schon selber.
****YT: Wie kommt man dann an die Gigs ran? Blättert man da alle drei Monate mal in seinem Adressbuch und ruft Den und Den an und fragt ob man einen Job kriegt?****
+ SW: Na ja, so ähnlich vielleicht, dass macht man allerdings ein bisschen subtiler als einfach zu fragen: „Hast mal einen Job?“. Das ist halt dieses sehr, sehr wichtige Netzwerk was man sich aufbauen und pflegen muss. Das wird dann immer größer mit der Zeit und dann ruft man den mal wieder an und: „Alles klar?...“.
****YT: Und dann kommt viel dabei rum, dass man über Bekannte, mit denen man schon mal zusammen gespielt hat, neue Jobs kriegt?****
+ SW: Ja also das irgendwo vorspielen und so gut sein, dass man genommen wird das erachte ich jetzt in 99% aller Fälle als Humbug, wenn das einer erzählt. Das ist meistens nicht so der Fall.
Sicher, beim Musical werden dann Auditions für Musiker gemacht und da laden die dann fünf Tage lang Musiker ein, Du gehst da hin, spielst, machst das gut und kriegst den Job trotzdem nicht. Das wird dann gemacht fürs Arbeitsamt, wenn eine neue Firma aufgemacht wird, die was groß aufzieht, geben die Vorstellungsgespräche an, aber im Endeffekt geht es immer darum, wer kennt wen? Das ist alles Vitamin B. Ganz ehrlich in den seltensten Fällen ist es so dass Du als Musiker einen Job kriegst über ne Audition.
****YT: Du warst jetzt insgesamt acht Jahre auf Tournee mit Musicals…****
+ SW: zweieinhalb Hair und dann über fünf Jahre Tour mit Rocky, insgesamt macht es dann acht Jahre.
****YT: Also du warst lange Zeit eigentlich nur unterwegs und kaum Zuhause, wie hat dich diese Zeit geprägt?****
+ SW: Es gibt nix besseres für einen Musiker wenn er jeden Tag spielen kann. Die Sicherheit ist da dann natürlich ganz anders als bei Leuten die gerade mal 50 Gigs im Jahr haben. Weil jeden Abend natürlich auch Professionalität verlangt wird, weil jeden Abend sitzt da einer vor Dir, Dein musikalischer Leiter /Musical Director, der hört genau, wenn Du scheiße spielst! Und auch das zZwischenmenschliche mit so vielen Leuten auf einer Tour, das gehört auch zu den Dingen die Dich nachhaltig prägen.
****YT: Aber gerade beim Musical spielst du ja dann auch jeden Abend dasselbe, wird das nicht irgendwann langweilig?****
+ SW: [Lacht..] Nein.
Man kann ja auch 5fünf Jahre lang dieselbe Musik spielen, aber trotzdem mit seinem Instrument immer andere Sachen spielen mehr oder weniger, man perfektioniert sich ja auch. Gerade beim Schlagzeug ist es ja so, dass dann z. B. das Timing irgendwann so gut wird, dass man auch ohne ein Metronom genauso exakt spielt. Das kann man auch nur lernen, wenn man echt jeden Abend spielt. Dann kann man auch schon mal ein Buch zwischendrin lesen und spielt trotzdem noch exakt… das hab ich auch schon mal gemacht…
[Lacht..]
****YT: Und hat es Dir nichts ausgemacht, dass Du von Freunden und Familie so lange getrennt warst?****
+ SW: Nee, ich bin ja musikbesessen. Ich hab das alles, glaub ich, auch noch gut unter einen Hut gekriegt. Es gibt ja schließlich Telefon. Ich war in meinem Freundeskreis auch der Erste der ein Handy besessen hat. Das geht schon, aber für mich ist die Musik immer das Wichtigste, wichtiger als Freunde und Beziehung, für mich ist Musik mein ein und alles, nicht einfach nur ein Job. Von daher ist Musik für mich immer wichtiger als alles andere und ich würde die Musik immer vorziehen.
****YT: Also Musik ist das, was Dich erfüllt?****
+ SW: Genau. Wie für andere Leute Fußball. Kuck Dir mal die Leute an: die hängen die Fahne raus wenn Deutschland gewinnt, die sind ja auch wahnsinnig. Nur dass die halt nicht auf Tour sind das ganze Leben lang. Ich bin da halt anders drauf. Und das trennt ja auch die Spreu vom Weizen bei Musikern. Es gibt da die Musiker, die sind irgendwann weg, weil dann haben sie geheiratet und haben Frau und Kind und dann sagt die Frau: „aber so oft will ich nicht mehr, dass Du weggehst!“ und das schränkt halt ein.
****YT: Machst Du das auch von vorne herein Deinen Partnerinnen klar?****
+ SW: Das schreibst Du aber nicht da rein?
****YT: Äh???! Natürlich nicht…****
+ SW: Klar, natürlich. Das ist vorneherein klar. Aber das ist natürlich schon nicht so einfach. Wenn ich irgendwo, irgendeinen Gig krieg, dass ich den auch spiel, egal wo das ist egal wie lange das dauert.
****YT: Es ist dann auch egal wer da Geburtstag hat?****
+ SW: Eben.. ich hab mir auch schon „Freundschaften“ verscherzt, weil ich dann bei irgendwelchen Taufen nicht da war oder irgend so was, aber darauf kann ich dann auch verzichten.
****YT: Dein Beruf fordert also auch schon viel Verständnis von Deinem Umfeld****
+ SW: Ja klar, aber da sieht man dann auch wer seine richtigen Freunde sind.
****YT: Es ist doch aber so, dadurch dass Du jetzt mit Musik Dein Geld verdienst, aber nicht irgendwo angestellt bist, Sicherheit hast Du dabei ja nie. Denn Du weißt ja nie, wann der nächste Gig reinkommt. Das stelle ich mir persönlich recht schwierig vor..****
+ SW: Das ist auch schwierig, du spielst jetzt auf das Finanzielle an nehme ich an?
****YT: Ja klar, fehlt da nicht die Sicherheit, dass Du einfach die Gewissheit hast es geht immer weiter?****
+ SW: Ich glaub, wenn man das echt immer so gemacht hat, dann ist das gar nicht so schlimm.
Ich kenn es echt nicht anders, ich weiß nicht wie das ist, wenn Du jeden Monat Dein Geld von irgendjemand auf Dein Konto kriegst und der Deine Sozialabgaben zahlt und trallala. Von daher bin ich ja auch damit groß geworden und deshalb gebe ich ja auch Unterricht. So habe ich einen verlässlichen Teil.
****YT: Muss man sich dann als Musiker die Sicherheit einfach selbst geben?****
+ SW: Auf jeden Fall. Darum geben auch viele Leute Unterricht. Auch viele Berühmte die halt einfach vom Musikersein leben, geben zusätzlich noch Unterricht.
Jan S. Eckert von Masterplan zum Beispiel, die ganze Hamburger Heavy Metal Szene gibt Unterricht, der Gitarrist Uwe Metzler der mit Martin Kesici arbeitet, bei DSDS in der Band und mit Sarah Brightman auf Welt Tournee unterwegs ist und deren Lieder schreibt, gibt auch Unterricht. Das machen eigentlich alle, weil du ja auch immer mal Zeiten hast in denen Du eben nicht spielst.
****YT: Du hast mit der Musikschule ein Projekt zum Leben gerufen, wo Du auch anderen Musikern die Möglichkeit haben ihr KnowHow weiterzugeben.****
+ SW: Ja, ich gebe Unterricht, und bekannte Musiker geben hier auch Unterricht, zum Beispiel Gitarre ist der Pit Trapp, der im Staatstheater spielt, der mit mir auch bei Hair auf Tour war, dann Bass-Unterricht gibt der Basser von Rantanplan: Thorsten Reichert.
Was natürlich ganz angenehm für die Schüler ist, dass hier keine Leute Unterricht geben, die eben nix anderes machen als der „trockenen Unterrichtstheorie“, sondern dass das Musiker sind, die damit ihr Geld verdienen, live auf der Bühne stehen und von daher ist das für die Schüler natürlich total interessant und lehrreich. Es ist etwas ganz anderes von jemanden Unterricht zu kriegen der eben Musikorientiert arbeitet und nicht das was er selbst gelernt hat, dann einfach eins zu eins rüber gibt. Denn erstmal hat das, was gelehrt wird, nicht viel damit zu tun, was man als Musiker braucht.
****YT: Und welche Leute kommen zu Dir nach St. Ingbert in den Beckerturm?****
+ SW: Hm das sind meistens schon Leute, die bereits in Bands spielen oder eben spielen wollen, das geht von acht bis 88 [Lacht..] also der Älteste bei mir ist etwa 50 und der Jüngste ist sieben. Also jeder der Interesse und Spaß daran hat, kann hier vorbeikommen und probeweise Mal mit mir spielen und dann sehen wir, ob das passt.
****YT: Sind denn auch einige dabei, denen es imponiert wie Du lebst und dass Du von Musik lebst und die diesen Weg auch gerne einschlagen wollen? Die dann auch mal fragen: „Wie ist das denn, Sascha? Und wie geht das denn?“****
+ SW: Ja da gibt's schon ein paar. Aber ich kann ja eigentlich nur erzählen wie das mit dem Schlagzeug geht, und auf was man achten soll, wie man sich versichert, was halt schwierig ist, das ganze Ding halt.
Das ist total geil, mich es hat mal einer angerufen, da war ich gerade auf Tournee mit Rocky, der hat jahrelang in Mannheim Musik studiert und der wollte jetzt mal fragen wo hier also das „zentrale Büro für die Vergabestelle von Musiker Jobs“ ist.
Und dann denk ich mir halt: Der hat jetzt fünf Jahre Musik studiert und wenn der danach so was fragt. Was erzählen die da den Leuten? Was soll das denn? Also, ich hab nie irgendwo studiert, ich hatte einfach unterricht und bin dann Berufsmusiker geworden. Wenn ich das nötig hab zu studieren und noch so blauäugig bin und so was frag, dann können die Leute froh sein, wenn sie zu mir kommen und ich ihnen sage wie's geht.
****YT: Hast Du eigentlich mal überlegt Musik zu studieren?****
+ SW: Nee. Das kam für mich nicht in Frage. Ich hab mir das schon mal überlegt, als ich noch in der Schule war, einfach nach Amerika zu gehen, wie viele andere ans MI und da ein Jahr Schlagzeug zu studieren, aber ich hatte eigentlich nie wirklich den Drang das zu machen, weil ich viel gespielt hab. Das kam ja alles bei mir sofort. Vom Fleck weg hab ich ja damit angefangen mein Geld damit zu verdienen, Tourneen zu spielen und da hab ich ja auch mit Leuten gespielt, die das studiert hatten und da fragt man sich wieso soll ich jetzt noch studieren gehen, wenn ich auch jetzt schon mit denen spielen kann und gut genug dafür bin.
****YT: Du hast ja mit furchtbar vielen Leuten gespielt, Du warst ja nie in einer festen Band, sondern spielst immer mit ganz unterschiedlichen und wechselnden Musikern. Merkt man da einen Unterschied zwischen den Leuten die studiert haben und denen, die so wie du, in die Szene eingetaucht sind?****
+ SW: Es macht eigentlich kleinen Unterschied, ob jemand studiert hat oder wie ich ohne studiert zu haben. Es gibt sehr gute Leute, die studiert haben und es gibt auch unglaublich schlechte Leute, die studiert haben. Wenn ich ganz ehrlich bin, kann man Musik nicht lernen, das ist meine Meinung. Man kann zwar irgendwelche Techniken erlernen, aber das kann man auch machen, wenn man nicht studiert hat, denn das steht einfach jedem offen, der sich dafür interessiert. Das Studieren mag verdammt hilfreich sein, aber im Endeffekt muss man halt einfach viel spielen und das ist das Wichtigste. Außerdem musst Du vor allem auch gut hören, das ist eigentlich das Allerwichtigste. Ich krieg viele Jobs, weil ich halt zuhöre was andere Musiker machen. Und mich dann dementsprechend anpasse, das machen viele andere nicht. Das ist das Problem. Den Job mit Frank Diez zum Beispiel: ich hab mit dem zwei Songs gespielt und hab gar nicht viel gemacht, nur ganz normal gespielt und dann kam der danach zu mir und sagte: „Du hörst ja zu!“ Und das wollen die halt so, das ist gefragt. Das ganze Gefuddel und der ganze Kram, die ganze Technik, darauf kommt es beim professionellen Spielen gar nicht an.
****YT: Es kommt also bei einem guten Schlagzeuger nicht darauf an, wie gut er auf seinem Set rumhauen kann?****
+ SW: Nee null, gar nicht. Man muss einfach die Ohren für die Musik haben. Wer die Ohren für die Musik nicht hat, der kann vielleicht technisch spielen, aber dann bringt das nichts. Dann klingt die Musik einfach nicht so geil. Das ist wichtig als Schlagzeuger. Und das wird eh oft verkannt, Gitarre zum Beispiel das ist Musik und Schlagzeug ist einfach nur Krach.
****YT: War es für Dich eigentlich jemals eine Alternative oder eine Option in einer festen Band zu spielen? So a la Rolling Stones, wir gründen eine Band und machen eine Million, also in einer Gemeinschaft erfolgreich im Business sein und nicht als Solo-Trommler?****
+ SW: Ja doch, aber die Option hat sich bei mir einfach nie ergeben. Und das ist auch wirklich die absolute Ausnahme, das ist quasi ein Sechser im Lotto und noch schwerer. Ehrlich gesagt.
Wie viele Bands kommen in einem Jahr hoch und im nächsten Jahr kennt die schon keiner mehr.
Aber ich hatte das auch nie, ich muss ja Geld verdienen von daher spiele ich mit dem der mich anruft. Und wenn er mit mir natürlich 15 Jahre spiele wird und dabei ein totaler Rockstar wird bin ich auf jeden Fall dabei, aber so einer rief leider noch nie an.
****YT: Aber es hat wohl auch so seine Vorteile, wenn man Solo Musiker ist und seine Angelegenheiten selber regelt?****
+ SW: Ja klar. Der Spaß dabei ist ja auch, dass Du an sieben verschiedenen Abenden in der Woche mit sieben unterschiedlichen Typen Musik machen kannst. Von Schlager bis Heavy Metal halt alles.
****YT: Und Du bist da auch für wirklich alle Musikrichtungen offen?****
+ SW: Ich kann kein Jazz.
****YT: Kein Jazz? Was ist denn das Besondere beim Jazz??****
+ SW: Mir gefällt die Musik nicht.
****YT: Ach so und was Dir nicht gefällt das spielst Du also auch nicht?****
+ SW: Doch! Natürlich! [Lacht.] Aber nein, ich würde keinem empfehlen mich für einen Jazz-Gig anzurufen, das ist einfach nicht so meine Welt. Das ist einfach ein Feld, das sich mir bisher noch nicht erschlossen hat.
****YT: Was sagst Du jemanden der vor Dir steht und sagt ich will auch mein Geld mit Musik verdienen, was muss ich machen damit ich mein Ziel erreiche?****
+ SW: Das gibt's natürlich, ich hab schon Schüler, die so was sagen und das Allererste was ich sag ist: Spielen! Spiel so viel Du kannst und egal mit wem!
Mach alte Musik, mach Tanzmusik, mach alles. Spielen ist das Allerwichtigste. Durch das Spielen lernt man andere Musiker kennen erstens, und durchs Spielen wird man sicher. Wenn man viele verschiedene Sachen spielt, fängt das Ohr auch eher an zuzuhören.
Es gibt keinen Ort als Musiker wo man anrufen kann, nimm mich in Deine Kartei auf, von daher muss man sich halt sein Netzwerk aufbauen. Außerdem benötigt man natürlich auch ein gewisses Maß an Können. Ich mein kuck Dir die Beatles an kuck dir die Stones an. Die Typen die dort Schlagzeug spielen, die sind technisch null begabt, aber die haben halt das richtige Ohr und die spielen halt in den Bands. Die spielen schon total gut Schlagzeug, keine Frage, aber die könnten jetzt nicht zu Rocky Horror gehen, kriegen die Noten und in einer halben Stunde loslegen und spielen.
****YT: Du hast ja schon recht früh Deine Endorsments gekriegt. Wie hast Du das angestellt?****
+ SW: Da ist einfach das Motto „Frechheit siegt“. Ich hab ja die Tourneen mit Hair und Rocky gehabt und hab dann einfach angerufen und gesagt „Guten Tag, ich bin wichtig, ich hätte gern ein Endorsment“. Es gibt ja auch verschiedene Arten von Endorsments, also A- und B-Endorser. Ich hab aber immer darauf bestanden, das Equipment komplett zu bekommen also A-Endorser zu sein. Ja, und wenn man die Leute dort schwindelig redet passiert das auch meistens. Das hat auch damit zu tun wie man sich verkauft. Aber es kommt eben keine Firma im Normalfall auf Dich zu und sagt „Guten Tag, willst Du gern mit unseren Sachen spielen?“ Da muss man schon von selber auf die Idee kommen da anzurufen.
Wobei bei Schlagzeugern ist es am Einfachsten, zum Beispiel A-Endorsement Gitarre gibt's so gut wie gar nicht. Da hat man als Schlagzeuger echt noch Glück - und Du hast Endorsements für Schlagzeug, die Becken, Stöcke und die Felle…
****YT: Was oder wer hat Dich musikalisch geprägt? Außer eben Kiss.****
+ SW: Ach, da gibt es so viele. Ich hab früher angefangen mir aus der Bücherei sämtliche Kassetten auszuleihen und da einfach mitzuspielen. Jeden Kassette, die ich kriegen konnte, hab ich halt mitgeholt, und hab das einfach mitgespielt, also egal ob das jetzt BAP war, Dire Straights oder irgendwelches Jazz Rock Zeugs. Ich hab alles versucht mitzuspielen und nachzuahmen was ging. Von daher kann ich gar nicht sagen, dass mich einer besonders fasziniert hat.
****YT: Ging es Dir nicht um eine Band oder eine Person, sondern um die Musik an sich?****
+ SW: Genau, mir ging's immer um die Musik an sich und nie darum irgendjemand zu kopieren. Irgendwie war ich wohl nie genug Fan von jemandem. Iich weiß es nicht, jedenfalls ging es mir darum zu hören, wie spielt der Schlagzeuger auf der Kassette zu der Musik und wie kann ich das spielen? Und da hat es mich null interessiert wie der Schlagzeuger heißt und das ist auch gut so, sonst kling ich, wie tausend Leute klingen wollen.
****YT: Ich stell mir gerade Klein-Sascha an seinem Schlagzeug vor, der den Kassetten lauscht und sich sagt „Hey das hört sich gut an, das will ich auch spielen können.“****
+ SW: Ja ganz genau
****YT: Gibt es auch heute noch Sachen wo Du dir sagst, Boah hey das ist geil das probier ich jetzt mal aus.****
+ SW: Immer, klar, natürlich, wobei es kommt nicht immer aufs Schlagzeug selbst an, wenn ich jetzt einen Song höre und der hat eine geile Stimmung, da kann es sein, dass das Schlagzeug, das da drauf ist mir gar nicht so gut gefällt, dann überlege ich mir halt, was würde ich da spielen. Das passiert auch nicht während ich am Schlagzeug sitze, sondern beim Auto fahren oder irgendwo, so funktioniert das bei mir. Ich bin nie irgendeinem Schlagzeuger nachgelaufen und dachte boah der ist geil, so will ich auch sein.
****YT: Gibt es dann für Dich auch keinen Drummer, den du Megagut findest?****
+ SW: Doch klar gibt's Leute, die ich total gut finde, aber ich hör mir die Stile nie genug an.
Bei Rock-Musik find ich zum Beispiel Mike von The Who, der spielt total geil Rockschlagzeug, einer der Allerbesten, wie ich finde.
****YT: Gibt es für Dich vielleicht irgendwelche Favourites, Künstler mit denen Du super gerne zusammen arbeitest? ****
+ SW: Die Band von Rocky Horror, die ja auch schon zum Großteil bei Hair dabei war, das sind eigentlich so meine Brüder im musikalischen Geiste, wir rufen uns auch immer wieder gegenseitig an, wenn wir uns irgendwelche Gigs zuschustern können. Alle Leute mit denen ich zusammenarbeite. Frank Diez ist der Hammer, Joyce Kennedy ist der Hammer.
****YT: Reden wir doch mal von den aktuellen Projekten.****
+ SW: Im Moment coproduziere ich die Platte von Joyce Kennedy die Sängerin von Mothers Finest. Wir sind gerade am Abmischen. Ich bin gerade ganz neu bei Frank Diez in die Band mit eingestiegen, wo auch Steffi Stephan Bass spielt von Udo Lindenberg was sehr interessant wird. In der Konstellation haben wir noch nie gespielt. Bald geht's auch wieder los mit einem Jahr Rocky Horror in Weimar, sehr interessant in der Staatsoper. Tja das sind die Geister die man rief…
****YT: Ja, also so richtig back to the roots - das verfolgt dich scheinbar dein Leben lang…****
+ SW: Ist eigentlich lustig, dass die Leute Rocky Horror nie satt werden, oder? Ja, ich versteh es ehrlich gesagt auch nicht ganz. Jeden, der das geil findet, kann ich nur beglückwünschen, weil das ja auch Spaß macht, aber ich persönlich als Musiker würde es mir nicht zehnmal hintereinander ankucken. Obwohl es geil ist, aber ich bin jetzt kein so knallharter Fan davon, ich mach das echt nicht aus Idealismus raus, sondern weil einfach der Job kommt, wenn man einmal so was gemacht hat, dann kommt es irgendwie immer wieder. Letzten November war ich auch wieder mit Rocky Horror in Mailand, hab die Europatournee abgeschlossen. Nach zehn Jahren Gospel Tournee mache ich jetzt auch immer einmal im Jahr mit einer amerikanischen Gospel Truppe Musik. Mit Jan Eckert von Masterplan spiele ich gerade eine Platte ein. und ich mache auch gerade eine Platte für eine Band hier aus dem Saarland. Das sind halt die Jobs, die ich so habe.
****YT: Hält sich da bei Dir ziemlich die Waage zwischen den Live-Jobs und den Studio-Sachen,die Du machst?****
+ SW: Komischerweise, seit letzten Jahr spiele ich gerade viele Studio Jobs, was vorher nie der Fall war, weil Schlagzeuger im Studio eigentlich nie so gebraucht werden, weil es halt Maschinen gibt, die das sehr gut imitieren.
****YT: ????****
+ SW: Ja klar, viele Sachen, die man heuet im Radio hört, werden mit Maschinen gemacht
****YT: Hört man da als Vollblut-Drummer den Unterschied?****
+ SW: Teilweise sofort und teilweise ist es schwer, irgendwo hört man es schon raus. Das find ich natürlich ganz schlimm. Die Maschine ist ja schon immer der Feind des Musikers.
****YT: Ist doch auch irgendwie eine Verarsche für die Leute, oder? ****
+ SW: Och naja, das muss man mal so sehen, die meisten Leute sind ja Konsumenten und keine Musiker, das interessiert die gar nicht.Von daher ist es denen wahrscheinlich scheißegal, ob da ein Schlagzeuger sitzt oder eine Maschine. Ist natürlich schade, für die Musiker, dass sie dadurch einen Job verlieren, wo sie Geld verdienen könnten.
****YT: Und bei den Studiojobs kriegst du dann die Noten, setzt dich hin und spielst, oder wie?****
+ SW: Ja kommt drauf an, es gibt nicht bei jeder Produktion Noten, zum Beispiel für die lokale Band, da hab ich mir die Noten selber raus geschrieben und das muss auch schnell gehen, ich hab in einem Tag die ganze Platte eingespielt. Da muss man sich natürlich dementsprechend vorbereiten, alle Noten komplett raus schreiben und dann kann ich das auch in einem Rutsch runterspielen. Aber es gibt auch Sachen, wo man auch mal dran rummacht. Und meistens geht es dabei klar, darum Alben einzuspielen, seltene Ausnahmen sind dann zum Beispiel der Job im Januar, da hab ich Jingles, also Werbung, eingespielt, aber auch nur Congo, Bongos und trallala, also alles was kommt.
****YT: Du spielst also Percussions?****
+ SW: Nö, eigentlich nicht das war das erste Mal.
****YT: Und wie war es?****
+ SW: Schmerzhaft. Total, es ist brutal für die Finger,das wusste ich gar nicht, aber meine Finger waren doppelt so dick, als ich aufgehört habe.
****YT: Würde Dich das nicht interessieren?****
+ SW: Nein ehrlich gesagt nicht, ich weiß auch nicht warum, aber ich bin einfach Schlagzeugmensch.
****YT: Gibt es andere Instrumente, die du gerne spielen können würdest? ****
+ SW: Ich würde gerne Klavier spielen können. Ich find das ist das schönste Instrument der Welt und auch das vielseitigste, nur das ist halt sau schwer und da ich ja im Grunde auch eine „faule Sau“ bin, ist das natürlich für mich auch echt ein Problem, das dann zu lernen.
****YT: Erzähl doch mal mehr von dem Projekt mit Joyce Kennedy.****
+ SW: Ja, also wir produzieren das halt zusammen die Joyce, der Gitarrist, der die Songs schreibt und ich halt.
****YT: Hast Du schon öfter was produziert.****
+ SW: Hm ja, ich hab letztes Jahr mein eigenes Musical produziert und bin damit durch Deutschland getourt. Da haben wir so ein Kessel buntes gespielt, aus den besten Musicals der Welt. War auch sehr erfolgreich, immer den Saal voll, eine richtig gute Tour. Das war ein Best-of von Musical in der Band fünf Leute natürlich wieder meine Leute von Rocky und Hair.
****YT: Irgendwie zieht sich Musical ja wie ein dicker roter Faden durch dein Leben, hast du irgendeinen besonderen Bezug zum Musical?****
+ SW: Musical an sich bedeutet ja, Menschen, schauspielern und singen und die Musik spielt ja eine untergeordnete Rolle dabei. Wenn ich die Musik einfach rausfiltere aus dem ganzen Ding, dann macht mir das viel Spaß.Ich mein, ich spiele ja Musik und die Musical-Songs sind auch total geile Songs, nur wie die halt interpretiert werden, mit diesem theatralischen Gedonner und dem ganzen Scheiss, das ist natürlich zum Kotzen und das Rumgehüpfe meistens auch. Ich reduziere das einfach auf die Musik.
Ich achte auch nie auf Texte, ich erkenne einen Song an der Musik. Ich glaub bei Bassisten und Schlagzeugern da ist das einfach so, das sind totale Fachidioten und daher ziemlich egoistisch, glaube ich. Bei den ganzen Liedern in den Bands, die ich spiele, habe ich keinen blassen Schlimmer worum es geht. Ich wusste ein ganzes Jahr lang nicht, worum es bei Rocky ging, weil ich die ganze Zeit nur auf die Noten gekuckt hab. Einmal sagt mir einer der Kollegen „kuck mal, der stirbt gerade“. Und ich sehe auf und sage „Ach ja? Du stirbst also jeden Abend?“
****YT: Vergisst man denn auch alles, wenn man so am Spielen ist?****
+ SW: Das kommt immer auf die Musik drauf an. Wenn man mit guten Leuten zusammenspielt und man merkt da entsteht ein total geile Magie beim Spielen. Also wenn es so magisch wird beim Spielen, dann ist irgendwie Raum und Zeit wo anders. Es gibt natürlich auch Gigs, wo man denkt, oh nee wann ist das denn jetzt endlich zu Ende. Das ist ja ganz grauenvoll. Und das hat ja natürlich auch immer mit einem selber zu tun. Aber wenn Du mit guten Leuten spielst, dann hört man auch gar nicht mehr die Musik als solche oder das der Ton jetzt mal nicht gestimmt hat, da geht's dann nur noch um das Gesamtkonzept. Das ist das, was zum Beispiel beim Jazz die allererste Rolle spielt. So wird eigentlich Jazz gespielt. Da geht es nur noch um Energie.
****YT: Das hört sich alles nach eitel Sonnenschein an, was sagst Du zu denen, die sich unter einem Musikerleben nur Mega-Konzertauftritte Halli-Galli-Partys und "alles prima" vorstellen. Solche Menschen mit den Illusionen ein Musikerleben ist das Geilste, was es auf der Welt gibt und hat ja eigentlich so gar keine Schattenseiten...****
+ SW: Schattenseiten hat man ja erstmal überall. Man denkt so "Geil der ist auf Tournee…" und man meint der hat da den ganzen Tag Spaß und es ist den ganzen Tag nur Olé-Olé, aber in der Realität ist es so: 20% spielen und 80 % warten. Im Hotel sitzen, im Bus sitzen, Backstage sitzen und warten. Und ob das dann so Spaß macht, das sei dann mal dahingestellt.
****YT: Das muss doch echt furchtbar schlauchen, oder? Und wie ist es, wenn man dann wieder zuhause ist? Das ist doch dann ein komplett anderes Leben, oder? ****
+ SW: Ja, schon! Also wenn ich nach einer Tour nach Hause komme, dann werde ich sofort krank. Weil Dein Körper während der Tour so drin ist, dass er da alles mitmacht, aber sobald ich zuhause bin, werd ich krank.
Auf Tour ist das so ein echtes Montageleben, klar fehlt einem das dann in der ersten Zeit. Wenn ich dann zuhause bin, beuge ich dem Tourentzug ja auch dadurch vor, dass ich dann Unterricht gebe. Also es ist schon echt eine Umstellung, wenn ich wieder zuhause bin.
****YT: Ich denk mir nur, dass muss doch seltsam sein, weil du während der Tour einen Tourmanager hast der dir sagt: steh auf, zieh dich an, ab in den Bus, rauf auf die Bühne und zuhause musst du dich dann wieder selbst organisieren.****
+ SW: Ja schon, aber das ist gar nicht so das Problem. Das große Problem ist: wenn Du abends um acht Uhr zuhause sitzt und am Abend zuvor noch gespielt hast und das zehn Monate lang. Und dann kommt abends um 8 Uhr die Tagesschau, es geht eben nicht das Licht aus und das Konzert fängt an.
Das ist die größte Umstellung. Komischerweise zieht es einen dann immer so gegen 10-12 Uhr raus Richtung Kneipe um ein Bier zu trinken die ersten paar Tage. Weil das auf Tour immer so ist. Um 8 Uhr Konzert und zwischen 10 und 11 geht man dann mit den Herren Musiker-Kollegen einen trinken.
**** YT: Fehlen die einem nach den ersten Tagen? Oder ist man froh, dass man die nicht mehr sehen muss?****
+ SW: Och, doch schon, man vermisst die schon, das ist ja wie nach einem langen Urlaub. Weil man kann das, wenn man mal ganz ehrlich ist, ein bisschen mit einem Urlaub vergleichen, ich sehe in den Monaten so viele Länder und so viele Städte und muss dafür am Abend mal drei Stunden arbeiten.
**** YT: Aber Du hast ja auch leider selten Zeit für Sightseeing oder ähnliches, oder doch? ****
+ SW: Nee, meistens ist es doch nur: Hotel - Halle. Aber es gibt gerade beim Musical so Dinger, da ist man mal länger in einer Stadt, jedes Jahr so eine Woche oder zwei Tage Mailand, oder Rom oder Wien und dann lernt man schon mal was kennen.
**** YT: Wie ist das denn eigentlich, wenn man als Musiker auf ein Konzert geht? Sieht und hört man da alles mit anderen Augen oder Ohren?****
+ SW: Ja schon. Wenn ich als Musiker auf ein Konzert gehe, geh ich immer dahin wo der Sound am besten ist und das ist halt beim Mischpult. Du kennst bestimmt den Ausdruck die "Musikerpolizei". Das sind die, die mit verschränkten Armen vorm Mischpult stehen und warten bis einer einen Fehler spielt. Ich mag Konzerte schon, klar. Aber ich bin komischerweise kein großer Konzertgänger. Als Musiker fehlt einem aber wohl die Illusion, die viele Leute haben, die dann auf Konzerten stehen.
**** YT: Versteht man als Musiker, der weiß wie es Backstage läuft, eigentlich noch den Hype der vor der und um die Leute auf der Bühne betrieben wird?****
+ SW: Ist schon echt seltsam manchmal, man grinst halt immer wenn man da Tokio Hotel sieht und die ganzen Kinder, die da schreien, nur weil Tokio Hotel abends um neun bei the Dome ein Lied spielen. Ich weiß halt was die den ganzen Tag gemacht haben, nämlich nichts! Da muss ich immer ein bisschen grinsen.
Ich hab angefangen Musik zu machen, weil ich es auch total geil fand. Und ich find s ja immer noch total gut. Ich kann mich auch beim Konzert total begeistern, nur bin ich ja jetzt schon so ein alter Sack und schrei nimmer. Dennoch Musik bleibt für mich immer etwas Magisches.
Das gute Gehör, viel Spielen und das Netzwerk aus Vitamin B sind also die Dinge auf die es bei einem Profimusiker ankommt.
Vielen Dank für diesen eindrucksvollen Einblick in das Leben eines Profi-Drumers, für das aufschlussreiche Gespräch, die Tipps und die Storys.
Youth Today wünscht auch weiterhin: Viel Erfolg!****
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