Youth Today Exklusiv Interview Clueso am 25.04.2008 - Clueso lässt grüss’n
.jpg)
Reportage & Interview: Eva Steffen
Fotos: Marcel Pellmann
Die Sonne scheint draußen, als wir den Backstage-Bereich der Garage betreten. Da die Interviewer vor uns mal wieder länger brauchten, warten wir im Flur auf einem alten Sofa. Ab und zu laufen Tourhelfer über den Gang, es ist eine lockere Stimmung. Und dann steht er plötzlich vor uns. In grauer Jogginghose, grünem Kappi, dunkelblauer Jacke und dem wohlbekannten Ohrring: Clueso! Er sieht etwas müde. Aber er lächelt uns an und stellt sich mit „Cluesn“ vor. Dann führt er uns in seinen kleinen Aufenthaltsraum und setzt sich auf die schwarze Couch. Vor uns auf dem Tisch liegen Gummibärchen, Chips und Erdnüsse, von denen Clueso aber während des gesamten Gespräches nichts anrührt. Nur mit seiner Wasserflasche spielt er die ganze Zeit herum, wenn er nicht grade trinkt.
YT: Wie hast du mit der Musik angefangen?
Clueso: Mit 15 bin ich in den HipHop reingerutscht. Wir sind auf Jams gefahren, bei uns im Jugendclub haben wir Rap gehört, so deutschen HipHop. Das war so eine Kreativszene, zu der wir uns entwickelt haben. Man kann sagen, ich habe mit Breaken angefangen. Und meine Clique hat alles ausprobiert. Denn man weiß ja nicht sofort, wo man am besten ist oder sich schneller entwickelt als die anderen. Und da bin ich eigentlich zum Rappen gekommen und zum Singen. Denn ich habe immer gerne gesungen, obwohl ich nie Gesangunterricht hatte (er lächelt und zeigt auf sein Buch „Sing!“ von Walter von Bülow). Und habe dann auf HipHop-Jams gesungen. Als ich dann gemerkt habe: das ist mein Ding, hatte ich den Traum eine eigene Band zu haben… und das hat ja geklappt.
YT: Heute Abend ist die Halle ausverkauft, wie fast auch die gesamte Tour. Wie fühlt es sich an auf einer Bühne zu stehen?
Clueso: Es ist befreiend und ein unglaublicher Druck zur gleichen Zeit. Ich kann mich noch dran erinnern als das Album „Gute Musik“ frisch draußen war und es noch nicht viele kannten, haben wir in Koblenz oder so vor acht Leuten gespielt. Das werde ich nicht vergessen, aber jetzt hat man auf einmal ausverkaufte Hallen, die ganze Tour ist ausverkauft. Man begreift das nicht richtig. Erst wenn man die Schlange sieht abends, dann denkt man: die haben recht gehabt, ist wirklich ausverkauft.

YT: Du hast gesagt, der Druck auf der Bühne ist sehr groß. Wie fühlt es sich nach dem Konzert an, wenn du die Bühne verlässt? Bist du dann am Ende oder willst du gleich noch mal hoch?
Clueso: Jetzt grade ist alles noch so neu. Wir präsentierten ziemlich viel vom neuen Album auf der Tour und gestalten mit den Fans, mit den Leuten, die Songs. Ein Song wächst ja mit der Zeit. Es gibt Songs, die spielen wir seit vier Jahren und die sind groß geworden im Laufe der Zeit. Und wenn das alles noch so frisch ist, dann habe ich einen ziemlichen Leermoment am Ende. Dann sortiere ich Sachen und brauch ne Stunde um erstmal klarzukommen. Alles denken ich bin traurig, aber ich bin eigentlich glücklich, nur in mich zurückgezogen. Ansonsten, bin ich so heiß, dass ich gerne noch mal rauf will und noch mal. Aber irgendwann muss auch Ende sein. Also ich finde es am Coolsten, wenn die Leute heimgehen und das Gefühl haben: „Hey, einen hätte ich gerne noch gehört“ – lieber als wenn man sagt: „Jetzt hat’s mir auch gereicht.“
YT: Was ist dir lieber, auf Tour zu gehen und Konzerte zu spielen oder Musik zu schreiben und im Studio zu arbeiten?
Clueso: Na, die Abwechselung ist das Geile. Wenn man so lange im Studio sitzt - wir haben jetzt sieben Monate an dem Album „So sehr dabei“ gearbeitet - dann ist man heiß auf Tour zu gehen. Wobei dieses Mal alles ziemlich dicht war. Wir sind relative schnell wieder ins Studio und relativ schnell wieder auf Tour. Ich mag halt die Abwechselung. Wenn man auf Tour war das ganze Jahr, dann ist man froh, sich wieder zurückzuziehen und sich den Brustkorb aufzureißen und das Herz auszuringen. Wenn man nach dem Studio dann plötzlich wieder in die Öffentlichkeit geht, das ist schwierig. Man muss wieder dran gewöhnen, alle Gesten wieder antrainieren, offener werden, auf Menschen zugehen. Und dann kommen die Menschen auf einen zu, das ist schon geil (lacht). Im Prinzip ist das wie bei großen und kleinen Bühnen. Also, eine Grönemeyer-Tour [Anmerk. d. Red.: Clueso war Mai & Juni 2007 Vorband bei der Tour von Herbert Grönemeyer], das ist natürlich der Wahnsinn. Das kann man als Erfahrung abbuchen, die einmalig ist. Und Festivals sind cool. Aber kleine Clubs… ich mag es wenn es schwitzig ist und die Leute brennen, wenn die Übertragungsrate nicht so lange dauert. Das ist cool.

YT: Du kommst aus der ehemaligen DDR. Hand auf’s Herz: wo ist das Publikum besser? Im Osten oder im Westen? Wo geht’s richtig ab?
Clueso: Wenn man tiefer gräbt: überall, auf der ganzen Welt. Ich denke, dass die eigene Geschichte eine große Rolle spielt, wie schnell man bei Leuten andocken kann. Also, ich würde nicht behaupten, dass DIE im Westen anders sind, sondern dass ICH im Osten aufgewachsen bin und mit Ossis besser zurechtkomme. Weil ich die kenne und verstehe. Das ist wie Familie, du weiß einfach wie die ticken. Deswegen bin ich auch wieder zurück nach Erfurt gegangen [Anmerk. d. Red.: Clueso lebte 1999-2002 in Köln]. Ich denke es ist ein Ost-West-Konflikt, die Erziehung ist eine ganz andere Geschichte. Deswegen komme ich im Osten besser zurecht. Lange Rede, kurzer Sinn: Das kann man so einfach nicht sagen (schmunzelt).
YT: Was sind die Schattenseiten der Musik als Beruf?
Clueso: Die Schattenseiten… man stößt schnell an seine Leistungsgrenzen, wenn man sein eigener Chef ist. Man hat ja nicht die geregelte Arbeitszeit und sagt, um die Uhrzeit gehste heim. Es ist viel anstrengender als manche Leute glauben. Man muss unglaublich viele Sachen machen, die in meinen Augen nichts mehr mit der Musik zu tun haben. Manchmal verliert man sogar den Überblick und denkt: „Häh, also Planung, Promo und das und Publicity“. Das hat gar nichts mehr mit Musik zu tun. Und dann muss man wieder zurückfinden und sagen: „Moment mal, ich will Musik machen“. Dann steht man auch in der Öffentlichkeit. Ich habe das Glück, dass beim Projekt Clueso viele Leute beteiligt sind, es ist ein Gemeinschaftsding. Alle zwölf Leute, die mit auf Tour sind, sind Freunde von mir. Auch wenn ich ausgehe, habe ich immer Freunde dabei, die auf mich aufpassen. Zum Beispiel, wenn wir in irgendeinen Club gehen und ich mal einen über den Durst trinke, dann kommt ein Kumpel und sagt: „Hier, die gucken schon alle, lass uns mal in 'nen Technoschuppen gehen, da kennt dich keiner, da kannste weitersaufen“. Man muss eben aufpassen, was man macht. Denn wenn man in der Disko rumliegt, wissen die Leute, dass das Clueso ist, der da grade völlig im Arsch ist (lacht). Aber es ist noch cool bei uns. Und ich sage immer, wie man selber drauf ist, sind auch die Leute drauf, denen man begegnet. Unsere Fans sind eigentlich sehr professionell. Wenn man sich unterhält, warten sie ab bis man fertig ist und fragen dann erst nach 'nen Autogramm. Die sind nicht so überdreht. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir die Teenie-Presse meiden, da ich 'ne Teenie-Fresse hab.
YT: Was würdest du einem Jugendlichen raten, der Musik zu seinem Beruf machen will?
Clueso: Ich hätte viele Sachen, die ich erzählen könnte. Aber ich selbst bin ja noch auf der Suche. Ich weiß noch nicht, wo ich genau hin will. Ich kann nur sagen, dass man es nie alleine macht. Die Leute, die Kritik üben, sind die, die sehr wichtig sind. Wenn man schon einmal über etwas nachgedacht hat und dann kommt jemand und haut in diese Wunde, darauf sollte man dann auch hören. Und man braucht eine Art Lebenslehrer. Es ist wichtig sich einen Mentor zu suchen, der sich in das verliebt, das man tut und einem hilft dieses zu entwickeln. Das geht nur indem man ne gewisse Energie mitbringt und auch Sachen abwirft. Nicht nur Qualität, sondern auch Quantität. Dann kann das jemand sortieren, wenn man selber nicht so organisiert ist. Ich kenne viele Künstler, die haben Talent, aber die schreiben zu wenige Songs, das bringt dann überhaupt nichts. Oder sie machen zu wenig Kunst. Oder sie sind gut und machen auch viel, sind aber total im Arsch und verbraucht. Dann findet man keinen, der die cool findet. Im Prinzip muss man mit seiner Energie haushalten. Es gibt Leute, die einem helfen und die braucht man auch um klarzukommen.

YT: Rein hypothetisch, wenn es mit der Musik-Karriere nicht funktioniert hätte, was wäre Plan B? Wieder zurück zum Frisör? [Clueso hat eine Frisörlehre absolviert und hat die praktische Abschlussprüfung zwar geschafft, aber ist durch die Theorie gefallen.]
Clueso: Also, ich habe die Scheren immer dabei, aber nur für die Band. Aber vom Prinzip her, Frisör kommt nicht in die Tüte. Ich habe so viele Leute verunstaltet (lacht), weil ich mit den Gedanken ganz woanders war. Musik ist einfach mein Ding. Es ist sehr spekulativ zu sagen, was dann wäre. Aber ich wäre wahrscheinlich, wenn ich es mit der Kunst nicht geschafft hätte, von einer sozialen Substanz abhängig. Man ist nicht der Ober-Checker, wenn man Künstler ist. Vielleicht ist man doch einfach Künstler aus Notwehr. Weil man nichts anderes so gut kann, wie das was man tut.
YT: Viele Musiker fangen auch an zu schauspielern, hast du dahin auch Ambitionen? Denn das ist ja auch eine Art von Kunst.
Clueso: Aber auch eine, die sich entwickeln muss. Man merkt meistens, dass diese Leute keine Schauspielgeschichte haben. Wenn man sie spielen sieht, das berührt einen nicht. Dann gibt es natürlich auch einen Unterschied zwischen Schauspielerei und Fernseh-Acting - was ich jetzt merke. Durch meine Musikvideos darf ins Schauspiel reinschnuppern. Zum Beispiel kann ich ein Treatment schreiben, wie ich meine Rolle spielen will. Aber in dem Bereich halte ich mich zurück. Es wäre cool, wenn man jemand hätte, der einen führt. Ich würde es mal gerne machen, auf jeden Fall, aber nur mit jemandem der Plan hat, also mit einem guten Regisseur. Das braucht man, glaube ich.
YT: Also keine Soaps oder ähnliches?
Clueso: Ich finde es furchtbar. Das Licht sieht unnatürlich aus und die Leute sehen sogar nach einer durchzechten Nächten total geschminkt aus, völlig unreell. Da bin ich immer peinlich berührt auch. Es gibt wenig coole Sachen. Die Einzigen, die das richtig cool machen, sind die Amis. Die machen Serien: Sopranos oder so. Wenn Serien so gemacht sind wie Filme, das ist echt fett. Aber dafür fehlt den Deutschen einfach die Kohle. Aber man muss ausprobieren. Vielleicht muss man mal in einer Soap mitgespielt haben um zu sagen, das ist nicht mein Ding. Es ist Quatsch zu sagen, dass jemand, der in einer Soap spielt, es niemals zu etwas bringen wird. Wenn er danach weiß, das es ist nicht sein Ding, dann ist das gut. Oder wenn er sich darin verliert, dann ist das auch cool.
YT: Du hast musikalisch so viel erreicht. Was ist dein nächstes Lebensziel?
Clueso: Für mich ist grade alles ein Kampf. Ich versuche Ruhe in die ganze Geschichte reinzubringen. Aber das auf so perverse Art, dass ich auch da wieder überlegen muss, ob das nicht wieder zuviel ist. Weil alles so viel ist grade. Ich bin ein hyperaktiver Typ, der sich gerne für Sachen verbrennt und gerne viel macht. Ich versuche einfach einen Ruhepol zu finden. Damit ich nicht immer heiser bin. Es ist mein Ziel, nebenbei noch ein Leben zu kreieren. Ich bin halt 150-prozentig das, was ich tue. Und da bleibt das reelle Leben manchmal auf der Strecke.
YT: Zum Schluss: Welchen Rat gibst du der Jugend heute?
Clueso: (lacht)… ja: Ausprobieren. Egal in welcher Form, Kunst ist immer förderlich, weil man sich mit sich beschäftigt. Und das ist das Hauptding. Ich glaube nicht so sehr an Referenzen auf dem Papier, sondern an welche, die man an den Augen ablesen kann. Man weiß, wer vor einem sitzt. Ich glaube, meine Generation will einfach nur satt werden, 80 Jahre alt werden und dann tschüß. Sicherheiten gibt’s sowieso nicht, also im Prinzip: Loslassen und Ausprobieren und nicht auf die ganzen Instanzen hören. Und auch nicht immer nach dem Motto leben der Beste sein zu müssen. Klingt jetzt alles so altbacken. Man muss ausprobiert haben, um zu wissen, dass es das nicht ist. Nicht nur denken, ich muss jetzt „mein Ding“ finden und das ist es für immer. Zu wissen, das ist nicht mein Ding, das ist viel wichtiger.
Abends geht in der ausverkauften Garage die Post ab. Die Halle ist voll und die Stimmung heiß. Das Publikum ist sehr gemischt. Von den echten HipHop-Jungs über Pärchen bis zu den Mädels, die in der ersten Reihe Clueso anhimmeln. Im Publikum gibt es „keinen Zentimeter“ Platz zuviel, weshalb auch die Sanitäter dem einen oder anderem Mädel aus der Menge helfen. Die Security verteilte Wasser, um Schlimmeres zu vermeiden. Und es war so, wie Clueso es sich gewünscht hat: das Konzert war zu Ende, aber ein Song mehr hätte es noch sein können.
|