Redaktion

 

Pressefrühstück August 2007

„Justin, ich will ein Kind von dir!“
oder: Wie interviewe ich einen Star?
Text: Romina Mihoc

Als Redakteur bei Youth Today gehört es sozusagen zum angenehmen Pflichtprogramm Konzerte zu besuchen, um darüber einen Artikel zu verfassen. Neben spektakulären Fotos gibt ein Starinterview dem Bericht den letzten Schliff und das gewisse Etwas. Doch was muss ich beachten, bevor das Event stattfindet und wie verhalte ich mich, wenn mein Star in greifbarer Nähe vor mir steht? Erstarre ich vor Erfurcht, schleime ich ihn zu? Und was frage ich überhaupt?

Um all diese Fragen zu klären, traf sich das Redaktionsteam von Youth Today an einem Sonntagmorgen (!) zum Pressefrühstück. Unsere Referentin war Rita Schaefer-Arend, Journalistin und Fachkorrespondentin für den nahen Osten. Mit großer Kompetenz stellte sie sich bei Kaffee und Croissants unseren Fragen und gewährte uns Einblick in ihre langjährige journalistische Erfahrung, die sie auf der ganzen Welt gesammelt hat.

Zunächst, betont Frau Schaefer-Arend, dass intensive Recherche unbedingt notwendig sei. Bevor man die Veranstaltung besucht, sollte man sich genau über den Künstler oder das Event informieren. Bei Solokünstlern, sowie bei Bands muss man gründlich über deren Lieblingsthemen, Hobbies und Abneigungen Bescheid wissen, um sich und das Medium, welches man vertritt, nicht zu blamieren. Es muss ein Wissenshintergrund geschaffen werden, den man durch die eigene Erfahrung erweitert, bestätigt oder widerlegt. Des Weiteren stellt sich die Frage, wie man das Interview aufzeichnet. Es bieten sich einige Möglichkeiten die Vor- und Nachteile aufweisen.
Die althergebrachte Variante: Papier und Bleistift. Standard, aber eher uneffektiv, da man den Blickkontakt nicht halten kann und so eine unpersönliche Situation entsteht. Man ist so sehr damit beschäftigt, nichts zu vergessen und alles aufzuschreiben, dass man die Aufmerksamkeit von seinem Gegenüber abzieht. Dieses Verhalten ist bei bekannten Persönlichkeiten sehr unbeliebt, sodass ein Abbruch des Interviews folgen kann. Außerdem fällt es im Nachhinein beim vertexten unheimlich schwer, die damalige Stimmung wiederzugeben und das Gesagte genau zu rekapitulieren, ohne den Sinn zu verfälschen. Nichts ist nämlich schlimmer, als ein gedrucktes Interview und ein wütendes Management, das verspricht, nie wieder eine Akkreditierung für das betreffende Magazin zu vergeben, weil das Interview die Tatsachen verfälscht. Aufschreiben bietet sich somit nur bei kürzeren Interviews an, die eine konkrete Fragestellung aufweisen und keine weitere Interpretation zulassen. Bei Pressekonferenzen dagegen bietet sich mitschreiben an. Man meldet sich, die Frage wird angenommen, man nennt seinen Namen, den Namen der Zeitschrift und stellt dann seine Frage. Während dieser Phase bietet sich genug Raum, um das Gesagte zu erfassen. Ein Diktiergerät ist hier wegen der hohen Lautstärke und der eventuell großen Entfernung eher ungünstig, sodass schlechte Aufnahmen das Resultat sein können.

Auf keinen Fall kreischen oder in Tränen ausbrechen!
Allerdings bietet sich ein Diktiergerät perfekt an, um ein persönliches Interview zu dokumentieren. Es schafft eine wesentlich entspanntere Beziehung zwischen Interviewer und Star, weil stetiger Blickkontakt herrscht und man sich intensiv mit seinem Gegenüber beschäftigen kann. Auch kann man das Gesagte hinterher sinngenau wiedergeben und kann sich sicher sein, dass keine Missverständnisse entstehen. Jedoch sollte man vorher um Erlaubnis bitten, die Unterhaltung aufzeichnen zu dürfen.
Optimal ist es natürlich, wenn man das Interview mit einer Kamera aufzeichnen kann. Man kann Gestik und Mimik in den Artikel einbeziehen und auch kleine Details werden erkennbar.

Dies ist aber mit einem gewissen Aufwand verbunden, da unter Umständen ein Stativ benötigt wird oder ein Stromanschluss vorhanden sein muss. Diese Methode ist also räumlich begrenzt und unmobil.

Hat man einmal das passende Aufzeichnungssystem gewählt, sollten nun die Fragen ausgesucht werden. Hier muss man unbedingt darauf achten keine Fragen zu stellen, die man nur mit ‚ja’ oder 'nein' beantworten kann, da das Interview dann schnell langweilig wird und es scheint, als ob man lediglich eine Checkliste abarbeitet. Auch plumpe Fragen, zum Beispiel nach dem Privatleben werden ungern gehört und beantwortet. Außerdem ist es wichtig Dinge herauszufinden, die nicht schon vorher in sämtlichen Klatschmagazinen zu lesen waren, um das eigene Magazin interessant zu machen. Man sollte also nicht zum hundertsten Mal nach Lieblingsfarbe oder Leibgericht fragen. Daraus kann auch kein richtiges Gespräch entstehen und man wird vom Interviewpartner nicht ernst genommen. Ebenso sollten die Fragen der Gesprächszeit angepasst werden. Also nicht nach der Lebensgeschichte fragen, wenn man nur fünf Minuten Zeit hat. Die Fragen sollen demzufolge konkret, aber nicht zu knapp sein.
Hat man all diese Vorarbeit geleistet, kann der Tag der Wahrheit kommen. Gut vorbereitet erscheint man bei der Veranstaltung. Wichtig ist hier, die vorher genehmigte Akkreditierung mitzubringen und das Medium, also die Zeitschrift, für die man schreibt. Dies hebt die Professionalität hervor, sodass man selbst als seriös wahrgenommen wird. Steht man nun vor seinem Interviewpartner, der gleichzeitig vielleicht noch den absoluten Lieblingsstar darstellt, für den man schon seit Jahren schwärmt, sollte man diesen persönlichen Hintergrund auf jeden Fall ausschalten. Auf keinen Fall darf man vor Ehrfurcht erstarren, kreischen (zum Beispiel: „Justin, ich will ein Kind von dir!“) oder in Tränen ausbrechen. Dann kann man das Interview gleich vergessen.

Respekt für den Star und für sich selbst
Man soll auf gar keinen Fall eine gespielte Vertrautheit simulieren oder den Star freundschaftlich berühren. Das verletzt seinen 'persönlichen Raum' und er fühlt sich unwohl. Jedoch darf man auch keine Hemmschwelle haben, nur weil das Gegenüber eine berühmte Persönlichkeit ist. Stars sind Menschen wie jedermann, mit dem Unterschied, dass ihre Leistung in der Öffentlichkeit stattfindet und eine große Zielgruppe bedient. 'Star sein' ist 'nur' ein Beruf. Als Begrüßung oder Gesprächseinstieg darf auch ruhig eine provokante Äußerung gewählt werden, die allerdings nicht unverschämt sein darf. Eine Bemerkung wie zum Beispiel: „Ich find deine Musik total toll und du bist ein super Sänger, aber deine neue Frisur geht gar nicht!“ mit einem verschmitzen Lächeln und ein wenig (weiblichem) Charme, kann schon die anfänglich gespannte Atmosphäre lockern. Die Umgangsformen müssen hier auf jeden Fall gewahrt werden, damit man nicht als Groupie dasteht, sondern als ernstzunehmende Person, die ihren Job macht, um einen guten Artikel zu verfassen. Der Respekt für den Star, und vor allem für sich selbst steht während des Interviews an erster Stelle. Man sollte unbedingt seine Authentizität wahren und nicht jemanden repräsentieren, der man nicht ist. Die Professionalität steht immer im Vordergrund. Während des Interviews sollte man Interesse vermitteln und ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Je besser die Beziehung, desto eher ist der Star bereit, persönliche Dinge zu erzählen.
Beim vertexten ist unbedingt darauf zu achten, dass nicht nur das Gespräch sondern auch Aussehen und Situation beschrieben werden. Man kann auch mit einem dreiminütigen Interview eine ganze Seite füllen, indem man den Star oder seine Stimmung beschreibt. Das lässt das Interview im richtigen Licht erscheinen und macht es noch interessanter. Das fertige Interview sollte vor der Veröffentlichung dem Management zur Freigabe vorgelegt werden, sonst könnte es bei zukünftigen Akkreditierungen zu Problemen kommen.

So viel zum Thema 'Wie führe ich ein Interview' . Sollte es doch einmal trotz Akkreditierung zu einer Abweisung kommen, müsst ihr das wohl oder übel akzeptieren. Allerdings solltet ihr sofort einen neuen Termin ausmachen und dabei hartnäckig bleiben. Auf jeden Fall dürft ihr euch nicht von der Veranstaltung entfernen, da immer noch die Möglichkeit besteht ein kurzes Interview zwischen Tür und Angel zu führen. Auch wenn ihr vollkommen unvorbereitet seid, solltet ihr euch dieser Herausforderung stellen. Außerdem ist es keine Schande seine Unvorbereitung zuzugeben. Denn das macht wieder sympathisch.

Nun wisst ihr alles, was man tun darf und unbedingt lassen muss. Gut gerüstet könnt ihr euch jetzt eurem ersten Starinterview stellen. Die Möglichkeit bietet sich am besten bei Youth Today.

Und noch was: Liebe Frau Rita Schaefer-Arend, VIELEN DANK für ihr spontanes Engagement bei unserem Pressefrühstück!

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